Eine massive Metal-Gitarre im Kopfhörer klingt schnell entweder matschig oder unangenehm scharf. Archetype: Gojira X setzt genau dort an und verbindet drei charakterstarke Amp-Modelle mit Pitch-Effekten, Impulsantworten und einer übersichtlichen Recording-Kette. Ich zeige, was die Suite im Home-Studio wirklich leistet, wie du sie sauber einrichtest und für wen sich der Kauf lohnt.
Die wichtigsten Fakten für deinen Start
- Drei Amps decken Clean-, Crunch- und modernen High-Gain-Sound ab.
- WOW- und OCT-Effekte erzeugen Whammy-artige Pitch-Sweeps sowie tiefe Oktaven.
- Die Cab-Sektion bietet mehrere Mikrofone, viele IRs und einen eigenen IR-Loader.
- Die aktuelle X-Version kostet 129 Euro und kann 14 Tage kostenlos getestet werden.
- Für direkte Aufnahmen sind ein Audio-Interface, Kopfhörer oder Studiomonitore und eine niedrige Puffergröße entscheidend.

Was hinter der Gojira-Suite steckt
Neural DSP hat die Software in enger Zusammenarbeit mit Gojira und Gitarrist Joe Duplantier entwickelt. Dabei geht es nicht darum, einen einzigen Song-Sound nachzubauen, sondern die klangliche Spannweite der Band abzubilden. Von angezerrten Riffs bis zu extrem definiertem High Gain reicht das Konzept deutlich weiter als ein simples Metal-Preset.
Die aktuelle X-Version ist die Weiterentwicklung des ursprünglichen Plugins. Ich sehe sie weniger als exakte Kopie eines bestimmten Verstärkers, sondern als fokussiertes Werkzeug für moderne Gitarrenproduktionen. Genau das macht sie im Alltag angenehm, denn du verlierst dich nicht in hundert austauschbaren Amp-Modellen.
Die drei Amps haben klar unterschiedliche Aufgaben
| Modell | Charakter | Geeignet für |
|---|---|---|
| Clean | Sauber bis natürlich angezerrt | Cleanparts, Blues, Alternative und Crunch |
| Rust | Breiter Crunch mit hoher Gain-Reserve | Rock-Riffs, Prog Metal und druckvolle Rhythmusgitarren |
| Hot | Straffer, definierter Ultra-High-Gain-Sound | Down-Tuning, Djent, Metalcore und Leads |
Der Name Clean ist dabei etwas großzügig gewählt. Mit wenig Gain entstehen brauchbare cleane Sounds, seine Stärke liegt für mich aber eher im leicht überfahrenen Bereich. Rust liefert schon bei moderaten Einstellungen viel Sättigung, während Hot die naheliegende Wahl für aggressive, kontrollierte Rhythmusgitarren ist.
Welche Werkzeuge im Signalweg wirklich zählen
Vor den Amps liegen ein Overdrive, Distortion, Phaser und Chorus. Für harte Rhythmusgitarren ist vor allem der Overdrive vor dem Amp interessant. Wenig Drive, etwas mehr Level und ein zurückgenommenes Bassfundament können einen High-Gain-Sound deutlich straffer machen.
Besonders eigenständig wirkt die Pitch-Sektion. Der WOW-Effekt lässt sich per MIDI steuern und erzeugt Pitch-Sweeps, während OCT bis zu zwei tiefe Oktaven unter dem Originalsignal ergänzt. Das funktioniert am besten mit sauber gespielten Einzeltönen und klaren Riffs. Bei komplexen Akkorden oder starkem Gain wird jeder Pitch-Shifter irgendwann unruhig.
Die Cab-Sektion entscheidet über den fertigen Klang
Viele Einsteiger beurteilen einen Amp-Simulator nach dem Amp allein. Das führt in die Irre, denn die Lautsprechersimulation prägt den Klang mindestens genauso stark. Die Suite bringt mehrere hundert IRs von Adam „Nolly“ Getgood, sechs virtuelle Mikrofone und die Möglichkeit mit, eigene Impulsantworten zu laden.
Eine IR ist vereinfacht gesagt eine Messaufnahme, die das Verhalten einer mikrofonierten Box nachbildet. Du kannst die virtuellen Mikrofone positionieren, im Pegel mischen und im Stereobild verteilen. Ich würde zuerst mit einem einzelnen Mikrofon arbeiten und erst danach einen zweiten Anteil ergänzen. So bleibt nachvollziehbar, was die Änderung tatsächlich bewirkt.
Hinter dem Amp sitzt pro Verstärkermodell ein neunbandiger Graphic-EQ. Dazu kommen Delay und Reverb mit Tape-Sättigung beziehungsweise Shimmer-Anteil. Transpose verschiebt die Gitarre um bis zu zwölf Halbtöne nach oben oder unten, der Doubler erzeugt ein künstlich verbreitertes Stereobild.
So bringst du die Software sauber ins Home-Studio
Für den Einstieg brauchst du keine große Studioumgebung. Eine E-Gitarre, ein Interface mit Instrumenteneingang und Kopfhörer reichen aus. Die Gitarre sollte direkt in den hochohmigen Eingang des Interfaces gehen, damit das Plugin ein möglichst unverfälschtes DI-Signal erhält.
- Schließe die Gitarre am Instrumenteneingang an und stelle den Eingangspegel so ein, dass auch harte Anschläge nicht clippen.
- Deaktiviere beim Monitoring den direkten Hardware-Mix des Interfaces, wenn du das bearbeitete Signal aus der DAW hörst. Sonst mischen sich trockenes und bearbeitetes Signal.
- Lade das Plugin auf eine Mono-Gitarrenspur und wähle in der DAW das passende Format. VST3 ist unter Windows meist die unkomplizierteste Wahl, AU funktioniert unter macOS.
- Starte mit 48 kHz und 128 Samples Puffergröße. Bei Knacksern oder Aussetzern sind 256 Samples ein sinnvoller Kompromiss.
- Kontrolliere den Klang über Kopfhörer oder Studiomonitore, nicht über die eingebauten Laptop-Lautsprecher.
Die Suite läuft als Standalone-App sowie in den Formaten VST2, VST3, AU und AAX. Das Handbuch nennt als grobe Mindestbasis 8 GB RAM, Windows 10 oder macOS 11 und einen Prozessor mit AVX-Unterstützung. Zusätzlich werden je nach Installation etwa 400 MB bis 1 GB Speicherplatz benötigt.
Für die Aktivierung ist ein kostenloses iLok-Konto mit dem iLok License Manager nötig. Ein USB-Dongle ist nicht zwingend erforderlich, da die Lizenz direkt auf Computern aktiviert werden kann. Die Standalone-Version besitzt außerdem einen Tuner und ein Metronom, was sie auch zum Üben ohne geöffnete DAW praktisch macht.
Ein praxistauglicher Start für straffe Rhythmusgitarren
Ich würde nicht mit dem aggressivsten Werks-Preset beginnen. Stelle zunächst den Hot-Amp ohne zusätzliche Effekte ein und reduziere den Gain-Regler weiter, als es beim Solospielen angenehm wirkt. Im Mix braucht eine Rhythmusgitarre weniger Verzerrung und mehr Anschlagsdefinition, als man über Kopfhörer zunächst erwartet.
Als Ausgangspunkt funktioniert folgende Kette gut:
- Overdrive mit niedrigem Drive und erhöhtem Output
- Hot-Amp mit moderatem Gain und kontrollierten Bässen
- passende Cab- oder IR-Auswahl mit einem nah positionierten Mikrofon
- High-Pass-Filter bei ungefähr 70 bis 100 Hz
- Low-Pass-Filter bei ungefähr 8 bis 10 kHz
- Delay und Reverb nur so laut, dass sie im Solo hörbar bleiben, im Mix aber nicht verschmieren
Diese Werte sind keine festen Regeln. Eine siebensaitige Gitarre, ein Drop-F-Tuning und ein dichter Bass ändern die Anforderungen deutlich. Entscheidend ist, dass die Gitarre im unteren Mittenbereich Platz für Bassdrum und Bass lässt.
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Doppeln bleibt besser als künstliche Breite
Für breite Metal-Rhythmusgitarren würde ich zwei Takes einspielen und hart nach links und rechts panen. Der Doubler kann beim Skizzieren nützlich sein, ersetzt aber keine echten Doppelaufnahmen, weil er weder Timing- noch Anschlagsunterschiede erzeugt.
Auch der Transpose-Effekt ist eher ein praktisches Werkzeug als ein Ersatz für jede tiefe Gitarre. Für Demoaufnahmen und schnelle Ideen funktioniert er hervorragend. Bei extremen Verschiebungen können sich jedoch Tracking-Artefakte und ein weniger natürliches Spielgefühl bemerkbar machen.
Für wen sich der Kauf wirklich lohnt
Der aktuelle Preis liegt bei 129 Euro, außerdem bietet Neural DSP eine 14-tägige Testphase an. Ich würde diese Zeit nicht nur mit Presets verbringen, sondern eine eigene kurze Produktion aufnehmen: ein cleanes Intro, ein Crunch-Riff, eine gedoppelte Rhythmuswand und ein Lead. Erst dabei zeigt sich, ob die Suite zu deiner Gitarre und deinem Mix passt.
| Dein Ziel | Meine Einschätzung |
|---|---|
| Moderner Metal mit tiefen Tunings | Sehr passend, besonders wegen Hot, OCT und WOW |
| Prog, Alternative und dynamischer Crunch | Gut geeignet, wenn Rust und Clean richtig eingesetzt werden |
| Nur traditionelle Vintage-Cleans | Eher nicht die erste Wahl |
| Schnelle Ideen ohne DAW | Praktisch dank Standalone-App, Tuner und Metronom |
| Bereits mehrere ähnliche Amp-Simulationen vorhanden | Der Kauf lohnt sich vor allem für Pitch-Effekte, IR-Workflow und den speziellen Grundcharakter |
Die größte Stärke ist die Kombination aus klarer Bedienung und sofort brauchbarem High Gain. Die größte Grenze liegt darin, dass das Plugin keine schlecht eingestellte Gitarre, unpräzises Spiel oder ein überladenes Arrangement repariert. Zu viel Gain bleibt zu viel Gain, ganz gleich wie hochwertig das Modeling ist.
Die X-Version ist außerdem mit Quad Cortex und Quad Cortex mini kompatibel. Wer bereits in diesem Ökosystem arbeitet, bekommt dadurch einen zusätzlichen praktischen Vorteil. Für reine DAW-Produzenten ist diese Funktion dagegen kein Grund, die Kaufentscheidung allein darauf aufzubauen.
Mein Urteil für dein Gojira-inspiriertes Home-Studio
Archetype: Gojira X ist keine beliebige Sammlung von Amp-Modellen, sondern eine konzentrierte Suite mit einem klaren Schwerpunkt auf druckvollen, modernen Gitarren. Trotzdem reichen Clean, Rust und die Pitch- sowie Raum-Effekte weit genug, um auch außerhalb klassischer Metal-Produktionen sinnvoll zu arbeiten.
Ich würde die kostenlose Testphase nutzen und besonders die eigenen DI-Aufnahmen beurteilen. Wenn Hot mit weniger Gain als erwartet bereits straff klingt, die Cab-Sektion im Mix funktioniert und du die Pitch-Werkzeuge tatsächlich einsetzt, sind 129 Euro für ein vielseitiges Home-Studio-Werkzeug gut nachvollziehbar. Wer nur einen universellen Amp für jede Stilrichtung sucht, sollte dagegen zuerst andere Lösungen vergleichen.
